Spiele rund um das Thema Evolution sind keine Seltenheit mehr: In Darwin’s Journey und Auf den Wegen von Darwin begleiten und unterstützen wir den berühmten Naturforscher auf seinen Reisen. In der Spiele-Reihe Evolution (aktuell Nature) versuchen wir die erfolgreichste Tierspezies mit den meisten Nachkommen zu entwickeln. Nun entwickeln wir unsere eigene Raubtierspezies in Apex: Carnivore.
Erstmals kennenlernen durften wir Apex: Carnivore von OneStone Studios auf der SPIEL ‘25. Es handelt sich um ein Duell-Kartenspiel für 2 Personen mit einer unserer Lieblingsmechaniken – Deckbuilding.
Titel: Apex: Carnivore
Autor*innen: Fulvio Flamini, Hendrik Poulsen Nautrup und Lea M. Trenkwalder
Illustration: Alexander Rommel
Verlag: OneStone Studios
Spieler*innen: 1-2
Dauer: 20-30 Minuten
Das Überleben der Angepassten
Spiele, die gut zu zweit spielbar sind, sind bei uns immer hoch im Kurs. Wenn sie dazu noch ein wissenschaftliches Thema haben, umso besser. Apex: Carnivore erfüllt beide Kriterien. Wir haben es mit einem Duell-Kartenspiel mit Deckbuilding als zentralem Mechanismus zu tun. Im Spiel verkörpern wir mit unserem Deck eine Spezies von Fleischfressern, also Carnivoren, und versuchen, die Lebenspunkte unserer Gegnerin oder unseres Gegners von 20 auf 0 zu senken. Lebenspunkte repräsentieren dabei die Population unserer Spezies.
Jede*r Spieler*in startet das Spiel mit einem Deck von jeweils 10 gleichen Karten. Dieses steht für die Familie der Miacidae, die Vorfahren heutiger Fleischfresser. Im Laufe des Spiels können wir unserem Deck Karten aus einer Auslage hinzufügen und damit unsere Spezies entweder in Richtung Wiesel-, Bären- oder Katzenartige entwickeln. Jede dieser Familien hat Stärken und Schwächen und es gilt, die Spezies so aufzubauen, dass sich die einzelnen Karten bestmöglich ergänzen.
Abb.1: Mögliche Auslage beim ersten Zug: Unsere Kartenhand (unten) besteht nur aus dem Startdeck. Alle Zielwerte liegen bei 0, es wird kein Würfelwurf benötigt um die Karten zu aktivieren. Aus der Marktauslage (oben) dürfen wir am Ende der Runde eine Karte unserem Deck hinzufügen, sofern wir den aufgedruckten Zielwert erwürfeln können.
Jede Karte stellt dabei ein bestimmtes Merkmal dar und bringt eine spezifische Eigenschaft mit, die unserer Spezies Vorteile bringt. Ebenso hat sie Angriffs- und Verteidigungswerte und gehört zu einer der drei Raubtier-Spezies im Spiel. Die Herausforderung: Um eine Karte aktivieren oder erwerben zu können, muss ein Skill-Check mit einem 20-seitigen Würfel (W20) gewürfelt werden. Dieser muss mindestens den auf der Karte aufgedruckten Zielwert erreichen. Dies symbolisiert den Selektionsdruck, dem unsere Spezies ausgesetzt ist. Der gewürfelte Wert kann durch andere bereits aktivierte Karten modifiziert werden.
Abb.2: Wir haben eine 13 gewürfelt. Das reicht leider nicht um unsere ausgespielte Karten Bluff Charge zu aktivieren.
Wie wird gespielt?
Apex: Carnivore wird so lange gespielt, bis die Lebenspunkte einer Person auf 0 gefallen sind. Zu Rundenbeginn ziehen wir jeweils 5 Karten von unserem Deck und legen sie in unseren Spielbereich. Wer die meisten Initiative-Symbole auf den Karten hat, startet die Runde. Dazu werden die ausgespielten Karten über Skill-Checks in beliebiger Reihenfolge aktiviert. Karten mit Zielwert 0 können ohne Würfelwurf aktiviert werden. Schlägt eine Probe fehl, so kann die Karte in dieser Runde nicht verwendet werden. Gelingt sie, wird die Karte aktiviert und ihr Effekt abgehandelt. Da die Effekte die Proben ggf. beeinflussen, ist die Reihenfolge der Aktivierungsversuche essentiell und kann die Erfolgschancen stark erhöhen.
Haben beide Spielenden dies abgehandelt, folgt die Survival Phase. Die oder der Startspieler*in rechnet die Angriffspunkte der aktivierten Karten inkl. über Effekte eingebrachter Modifikatoren zusammen, während die oder der zweite Spieler*in dies für ihre Verteidigungswerte übernimmt. Ist der Angriff höher als die Verteidigung, wird die Differenz von den Lebenspunkten der Verteidigerin bzw. des Verteidigers abgezogen. Überlebt die oder der Spieler*in die Attacke, geht es an den Gegenangriff.
Abb. 3: Die Karte Aggressive Defense hat einen Angriffswert von 3 und einen Verteidigungswert von 0.
Sind beide Angriffe abgehandelt, erfolgt die Evolutionsphase. Beginnend mit der oder dem Startspieler*in können die Gegner*innen nun abwechselnd versuchen über Skill-Checks, eine Karte aus der Auslage zu erwerben und ihrem Ablagestapel hinzuzufügen. Je Karte ist nur ein Skill-Check möglich. Gelingt dieser nicht, kann ein nächster Skill-Check für eine andere der ausliegenden Karten stattfinden. Alternativ zu den Skill-Checks kann auch eine Karte aus der Auslage dauerhaft aus dem Spiel entfernt werden. Anschließend werden alle Karten aus dem Spielbereich auf den Ablagestapel gelegt und eine neue Runde beginnt.
Hat ein*e Spieler*in ihr Deck durchgespielt, wird die natürliche Selektion durchgeführt und es darf eine Karte aus dem Ablagestapel aus dem Spiel entfernt werden. Auf diese Weise ist es möglich, die eigene Spezies kontinuierlich zu verbessern.
Die Wissenschaft hinter Apex: Carnivore
Evolution
Das zentrale Element von Apex: Carnivore ist, die Evolution des Decks voranzutreiben, um die oder den Gegenspieler*in auszustechen. Wir erweitern die Fähigkeiten unserer Spezies dabei um gewisse Eigenschaften. Doch warum muss gewürfelt werden, um eine neue Karte zu erhalten und später auch aktivieren zu können? Hier lohnt es sich, einen Blick auf die Mechanismen zu werfen, die die Evolution antreiben. Ein paar dieser Evolutionsfaktoren möchten wir euch im Folgenden vorstellen1.
Mutation
Mutationen sind Veränderungen in der DNS, also den Erbanlagen eines Individuums. Sie können verschiedene Ursachen haben, z. B. Fehler bei der Zellteilung und der damit einhergehenden Verdoppelung der DNS oder äußere Einflüsse wie Strahlung oder bestimmte chemische Stoffe. Manchmal entstehen sie auch rein zufällig. Findet die Mutation an der Stelle der DNS statt, aus der auch Proteine für das jeweilige Lebewesen entstehen, so kann sie Einfluss auf seine Funktion oder sein Aussehen haben. Dies kann vorteilhaft, nachteilig und manchmal sogar tödlich für das Individuum sein.
Selektion
Während die Mutationen aus dem Organismus heraus entstehen, wirkt die Selektion von außen auf die Population ein. Umweltfaktoren entscheiden darüber, ob eine Mutation, die nicht von vornherein tödlich für das Individuum war, einen positiven oder negativen Effekt hat. Kommt eine Pflanze z. B. aufgrund einer Mutation besser mit Trockenheit aus, so ist sie während einer Dürreperiode den Artgenossen in ihrer Population überlegen. Sie wird sich also entsprechend erfolgreicher vermehren und den Genpool der Population beeinflussen.
Genetische Drift
Die genetische Drift geschieht auf Ebene der Population und ist in Bezug auf deren genetische Vielfalt zu sehen. Wird eine Population z. B. durch eine Naturkatastrophe teilweise ausgelöscht, so unterscheidet sich der Genpool der neuen von dem der Ausgangspopulation. Dieser Effekt ist größer, je kleiner die Ausgangspopulation gewesen ist. Ein ähnliches Phänomen lässt sich beobachten, wenn sich aus einer Population eine zweite abgetrennt hat, z. B. durch örtliche Trennung oder Migration.
Mutation und genetische Drift sind Faktoren, die in der Regel zufällig geschehen. Im Spiel wird das durch die entsprechenden Würfelwürfe symbolisiert. In der Realität wie im Spiel spielt der Zufall dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Er entscheidet darüber, ob wir es schaffen, unser Deck in die gewünschte Richtung zu entwickeln und, ob sich Fähigkeiten in unserer Population in der entsprechenden Runde ausbilden. Die Selektion wiederum verläuft gerichtet. Es gibt also einen direkten Einfluss der Umwelt auf meine Population. Im Spiel ist dieser Umwelteinfluss mein*e Kontrahent*in und die Selektion äußert sich in dem Sinne, als dass entweder die eine oder die andere Populationsgröße (aka Lebenspunkte) auf 0 fallen und das Spiel damit verloren ist.
Die Entwicklung der Carnivora
Abb. 4: Vereinfachter Stammbaum der Carnivoren. Die Abbildung stellt nur die Spezies aus Apex: Carnivore in ihr Verwandtschaftsverhältnis. Es gibt natürlich noch viel mehr Arten, die unter diese Gruppe fallen.
Unsere Meinung
Uns hat Apex: Carnivore gut gefallen, sowohl spielerisch als auch wissenschaftlich ist es gut recherchiert und ausgearbeitet. Allerdings ist es kein Lernspiel, sondern ganz klar ein Duellkartenspiel. Das Thema der Evolution und Entwicklung der Fleischfresser wird dabei mechanistisch umgesetzt, allerdings lernt man es nicht zwangsläufig aus dem Spiel heraus. Vielmehr kann das Spiel dazu beitragen, die wissenschaftliche Theorie spielerisch in der Praxis zu erfahren. Hierzu bedarf es aber ein wenig Grundwissen, um die einzelnen Aspekte nachvollziehen zu können. Profis in Duellspielen könnte zudem aufstoßen, dass der Glücksanteil beim Aktivieren der Fähigkeiten durchaus starken Einfluss haben kann. So kann man ein Spiel im Nachhinein noch verlieren, bei dem man größtenteils in Führung gelegen hat. Wir empfanden dies eher als Vorteil, da so auch neue Spieler:innen eine Chance haben zu gewinnen. Zwar werden geübte Duellant:innen immer im Vorteil sein, aber zumindest ist man nicht hoffnungslos abgeschlagen, wenn es mal nicht so läuft oder man die perfekte Kartenkombi für die verschiedenen Spezies noch nicht kennt.
Falls ihr Interesse an Apex: Carnivore habt, schaut gern im Discord von OneStoneStudios vorbei oder werft einen Blick auf die Crowdfunding Kampagne auf Gamefound. Hier ist noch der Late Pledge bis Anfang Juli ‘26 möglich.
Literatur & Quellen
Transparenzhinweis
Unser Exemplar des Spiels wurde uns vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Weiterschauen
Ausführliches Regelvideo vom Brettspiel Dude.
Weiterhören
Museum für Naturkunde Berlin. Leben im Wandel: Evolution. Beats & Bones Podcast 2023.
Quellen
- Campbell, Neil A. (1997) Biologie. Spektrum Akad. Verl.
- Hassanin A, Veron G, Ropiquet A, Jansen van Vuuren B, Le ́cu A, Goodman SM, et al. (2021) Evolutionary history of Carnivora (Mammalia, Laurasiatheria) inferred from mitochondrial genomes. PLoS ONE 16(2): e0240770.
- Flynn JJ, Finarelli JA, Spaulding M. (2010) Phylogeny of the Carnivora and Carnivoramorpha, and the use of the fossil record to enhance understanding of evolutionary transformations; In Goswami A, Friscia A, editors. Carnivoran evolution: new views on phylogeny, form, and function. Cambridge UK: Cambridge University Press; 2010. pp. 25–63.
